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Mein erster Mann

Der erste Mann meines Lebens war er.


Schlank und groß gewachsen, mit dunklen Haaren, die meiner Mutter wohl auch sehr
gefielen. Es passte gut zu ihrem rötlichen Kastanienbraun.
Stundenlang konnte er in der Sonne herumwandern und Sonnenbrand gab es bei ihm nie.
Nach kurzer Zeit war er dunkelbraun gebrannt und wir anderen um ihn herum waren die
Bleichgesichter.


Er war fit und vital, trotz der Kriegsjahre, die er hinter sich hatte.
Seine Heimat lag viel zu weit im Osten und er fand eine neue im kleinen Land an der
Saar, nahe der französischen Grenze.
Ja, er trug mich anfangs auf Händen, wie es wohl viele Väter tun, aber ich war nur
ein kleines Mädchen und kein mutiger und tapferer Sohn.


In seinen Händen lernte ich dann nicht schnell genug Schwimmen, nach fünf Minuten
konnte ich es noch nicht und sein Urteil lautete sofort: Die lernt es nie!
(Na ja, mit sechs Jahren und zwei Stunden in einem Schwimmkurs konnte ich es dann
doch, aber dies war die Initiative meiner Mutter, damit hatte er schon nichts mehr
zu tun)


Leider war ich dann auch noch Linkshänder, so einem war er in seiner ganzen Familie
bisher nicht begegnet.
Also trainierte er mich um, bis ich es dann endlich kapiert hatte und nie mehr dieses
seltsame immer nur Linksschreiben Wollen probierte…
Bis zum heutigen Tage mache ich das eine mit rechts und das andere mit links.
Ich bin wohl ein Beidhänder geworden… und genußvoll sehe ich meiner Tochter zu,
wenn sie alles mit links macht


Der erste Mann meines Lebens, oh ja, sein Bücherschrank war für meine damaligen
Begriffe wohlgefüllt und auch die hinteren Reihen entgingen mir nicht. Ich fand sie
hochinteressant und es merkte scheinbar nie einer, was ich da las…
Gewundert hat mich das immer.


Mit dem Älterwerden dieses kleinen Mädchens, das nie Geschwister bekam, kam er immer
weniger zurecht. Meine kleinen Wünsche fand er unnütz und kein einziger von ihnen
wurde erfüllt.


Schweigsam wurde er im Laufe seines Lebens und zwischen ihm und mir gab es eine Distanz,
die nie mehr überbrückt wurde.


Ich erinnere mich nicht an Lob, aber daran, was er mir verwehrte, was ihm unwichtig
erschien. Ich erinnere mich nur an eine einzige Tracht Prügel, aber an große Nichtbeachtung
und an Liebevolles nur aus meiner frühen Kindheit.


Der erste Mann meines Lebens war er und ich liebte ihn sehr.

 

 

Montag, 17. November 2014

 

 

 

 

 




Kommentare

von bruni am 26.11.14

oh ja, es ist autobiografisch, liebe Marlis. Da er seit mehr als 20 Jahren tot ist u. meine Mutter leider auch schon lange nicht mehr lebt, konnte ich es hier öffentlich einstellen… Sonst hätte ich es nicht gemacht. Um keinen Preis hätte ich ihn verletzen wollen, meinen ersten Mann *lächel*
Herzliche Grüße an Dich, liebe Marlis

von Marlis Hofmann am 26.11.14 - http://wederwill.wordpress.com

Liebe Bruni, aus den Kommentaren sehe ich, wie autobiografisch deine Worte sind, wie kummervoll noch nach so vielen Jahren. Der erste Mann deines Lebens war ein Mann seiner Zeit. Seit dieser Zeit hat sich viel in den Sichtweisen, in der Erziehung geändert, zum Glück möchte ich sagen, denn ich bin voller Mitgefühl dem kleinen Mädchen gegenüber, das wohl nie so richtig verstanden hat, warum seine erste große Liebe so wenig erwidert blieb!
Herzliche Grüße,deine Marlis

von bruni am 22.11.14

ja, liebe Barbara, ich weiß, was Du sagen willst…

von bmh am 22.11.14 - http://silberperlen.wordpress.com

Unsere Väter! - Liebe Bruni - unsere Väter…

von bruni am 19.11.14

Liebe Bärbel, anfangs beschäftigte er sich gerne mit mir. Ich denke mal, es hörte so mit ca. zehn Jahren dann auf…
Nun ist er seit etwas mehr als zwanzig Jahren tot u. ich kann einigermaßen sachlich über ihn schreiben. Aber manchmal kommt immer noch so eine kleine Bitternis über mich u. dann passiert mir so ein Text wie dieser hier…
Liebe Grüße zu Dir

von minibar am 19.11.14 - http://minibares.wordpress.com

Eigenartig, da hat er nur ein Kind und beschäftigt sich nicht wirklich damit.
Schade, dass seine Liebe an dir vorbeiging.
Da habe ich doch was ganz anderes erleben dürfen. Was bin ich froh.
deine Bärbel

von bruni am 19.11.14

Lieber Helmut, dieses ungeduldige Verhaltensmuster schafft es bis heute nicht, mir etwas nahezubringen. Es bringt mich sofort in eine massive Abwehrhaltung u. in der bleibe ich dann.
Das Fahrradfahren ist schnell zu lernen, wenn die Zeit reif ist. Ich z.B. lernte auf einem viel zu hohen Jungenrad, ein größerer Junge schob ein bißchen an, ein anderes Kind lief kurz mit und dann ging es schon. Hätte mein Vater es mit mir versucht, wäre der Versuch sofort gescheitert… Leider bekam ich als Kind kein eigenes Rad, weil wir am Berg wohnten u. meine Eltern es für zu gefährlich hielten für mich *g*
Liebe Grüße von Bruni

von Helmut am 19.11.14 - http://www.maier-lyrik.de/blog

So ähnlich hat mein Vater versucht mir das Fahrradfahren beizubringen. Ich habe es viel, viel später durch meine liebe Frau gelernt.

Liebe Grüße
Helmut

von bruni am 18.11.14

Liebe Diana, ich treffe nur auf Menschen, die Probleme mit ihren Vätern hatten u. vor allem scheinen es die Mädchen zu sein. Spätestens in der Pubertät kommen die Probleme zwischen den beiden u. selten wird es später wieder besser.
Bei mir war es ähnlich wie bei Dir. Ich wurde ihm wohl immer fremder…
Liebe abendliche Grüße von mir

von bruni am 18.11.14

Die Gefühle waren auf der Strecke geblieben… So war es wohl bei den meisten, liebe ANNA-LENA. Nur wenn sie sie abschalteten, kamen sie irgendwie mit dem Grauen klar, in das man sie hineingestellt hatte. So sehe ich es auch u. dann schafften sie es nur noch kurzzeitig, ihre Gefühle wieder zuzulassen…Heute kann ich mir vieles erklären, aber ein Kind weiß davon nichts. Ich sah nur das, was nicht gut war…
Liebe Abendgrüße von mir zu Dir

von Anna-Lena am 18.11.14 - http://visitenkartemyblog.wordpress.com/

Erstaunlich, wohin solche Zeilen ausufern, wenn der Anfang erst mal gemacht ist.
In manchen Punkten sehe ich darin auch meinen Vater, vom Krieg gezeichnet und lange traumatisiert, in sich gekehrt und nicht fähig, über Gefühle zu reflektieren.
Die Generation unserer Väter hat vieles durchmachen müssen.

Nachdenkliche Grüße
Anna-Lena

von diana am 18.11.14 - http://versspruenge.wordpress.com

das sind sehr berührende zeilen, liebe bruni, danke, dass du sie teilst. manchmal denke ich, es hilft, so etwas einfach mal aufzuschreiben, vielleicht damit ein klein wenig loszulassen.
ein bisschen erinnert es mich tatsächlich auch an meine beziehung zu meinem vater, der auch in der frühen kindheit sehr um mich bemüht war, und je älter ich wurde, umso weniger verstanden wir voneinander.
vielleicht unter anderem eine frage der generation ...? ich weiß es auch nicht.
eine liebe umarmung dir
von diana

von bruni am 18.11.14

Auch für mich sind sie nachdenkenswert, meine eigenen Zeilen, lieber Klaus. Das merkte ich schon, während ich noch schrieb…
LG von Bruni

von bruni am 18.11.14

Lieber FINBAR, ja, mehr Glück als Du, so ist es wohl. Ein Kind, ob Mädchen oder Junge, braucht den Vater sehr u. Nichtbeachtung macht mehr kaputt, als sich mancher denkt…
Herzliche Frühabendgrüße zu Dir

von finbar am 18.11.14

Eindrucksvolle Zeilen, ja eindringlich, liebe Bruni, Dankeschön für diesen kleinen Einblick in dein Leben, das Verhältnis zwischen ungeduldigem Vater und der wilden Tochter…

Und natürlich vergleiche ich mit meinem Vater, dem ungeliebten, nicht nur ungeduldigen, denn das hätte ich ja sicher toleriert…

Ich denke, du hast mehr Vaterglück gehabt, schön ist das smile
Herzliche Grüße vom Finbar

von Klaus am 18.11.14 - http://kowkla123.wordpress.com

Sehnsucht, Trauer und so weiter, echt nachdenkenswert, beste Grüße, Klaus

von bruni am 17.11.14

oh ja, liebe Emily, das fühlen wir alle, daß wir dieses kleine Dingelchen immer noch mit uns herumtragen. Es trägt sich leicht, aber manchmal kann es ziemlich herumzappeln u.uns in unserer Ruhe stören…
Herzliche Abendgrüße an Dich von Bruni

von Emily am 17.11.14 - http://emily221.wordpress.com

Sehr berührende Worte. Worte, die eine Frau zurück zu dem Mädchen führen, das immer noch in ihr ist.
Herzliche Grüße zu dir, Emily

von bruni am 17.11.14

Eigentlich wollte ich nur ein kleines Vater-Gedicht schreiben, aber dann kamen immer mehr Zeilen dazu. Beim Nachdenken kommt einem so viel in den Sinn, liebe PETRA u. hier ist nun ein kleiner Teil von dem, was mir zu seiner Person u. seinem Verhältnis zu mir in den Sinn kam…
Liebe Grüße zum Abend von Bruni

von petra am 17.11.14

Liebe Bruni, das sind sehr berührende Zeilen, die du mit uns teilen möchtest.
Irgendwie erinnern sie mich auch an meine eigene Kindheit. Ich glaube, dass die Generation, deren Väter im Krieg waren, es besonders schwer hatte auf ganz unterschiedliche Weise.
Nachdenkliche Grüße zu dir
Petra

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