Startseite | Kontakt | Impressum

Falsches Sehen

Sie fand sich nicht gut aussehend.


Das war schon immer so und
darum mied sie inzwischen
jeden Spiegel.
Sie versteckte sich vor sich selbst.


War sie alleine und wußte sich
unbeobachtet, dann und nur dann
sah sie mal in einen Spiegel
hinein und das, was sie sah,
machte sie zutiefst unzufrieden.


Schmal war ihr Gesicht und
sehr blass. Ca. fünf bis sechs
Sommersprossen saßen
an den falschen Stellen.


Die Augenbrauen fand sie zu
dünn und zu fein und jedes
einzelne Härchen viel zu klein.
Auch der Bogen sollte voll-
kommen anders sein.


Die Augen waren viel zu groß
und ihr Blau so wässerig wie
das Meer.


Die Nase nur ein kleiner kecker
Fleck und sie wünschte sie sich
aristokratisch und von edeler
Größe, wie die der Frauen
früher in ihrer Familie, die ihr
auf Schritt und Tritt in prächtigen
Rahmen auf allen Fluren
entgegenkamen.


Ihre Wangenknochen waren
hoch angesetzt und gaben ihrem
Gesicht einen fremdartigen
Ausdruck, den sie nicht verstand.


Ihr Mund war wie eine rote Kirsche
und das ihr, die nicht mal Kirschen
mochte, sondern nur süße
Erdbeeren und reife duftende
Birnen im frühen Herbst.


Ihre farblosen Haare waren
spiegelglatt und keine einzige,
noch so winzige Locke war darin
zu finden, so oft sie auch suchte.


Zu guter Letzt diese Ohren…
So winzig am Kopf und kaum zu
erkennen, so sehr schmiegten
sie sich an.


Nein, sie fand sich nicht schön,
nichts stimmte an ihr und über
ihren Körper wollte sie lieber
nicht nachdenken…
Aber, na ja, der ging ja noch
halbwegs, obwohl die Beine
auch viel zu schlank und viel
zu lang waren.


SIE wollte fest auftreten können,
aber immer sah sie aus wie eine
Schneeflocke, die leicht wie eine
Feder über den Boden schwebte.
Das mochte sie ganz und gar
n i c h t


Bis der Mond kam und sie mit
seinem silbernen Glanz überzog,
ihre Augen zu leuchten begannen
und das Nachtlicht ihr zeigte,
was sie bisher übersehen hatte…

 


Sonntagnachmittag, 23. Nov. 2014


Bruni - Collage
image
Text u. Foto Bruni Kantz

Kommentare

von bruni am 26.11.14

Bei meiner jungen Frau reichte der Mond schon aus, lieber Helmut, er kam gerade zur rechten Zeit grin
Bettina Wegner mag ich auch sehr. Ich besitze sogar einen kleinen alten Gedichtband von ihr, den ich mal auf einem Flohmarkt gefunden habe.
Liebe Grüße von Bruni

von bruni am 26.11.14

oh ja, liebe Petra, diese Erlebnisse in der Erinnnerung prägen uns u. überwiegen die nicht guten, dann haben wir Defizite in unserer späteren Person, die sich ja in der Jungend langsam herausbildet…
Einen sehr schönen und guten Abend wünsche ich Dir, liebe Petra

von Helmut am 26.11.14 - http://www.maier-lyrik.de/blog

Tja, wenn der Mond damals genug gewesen wäre ...: https://www.youtube.com/watch?v=t-iUr_xodgo

Liebe Grüße
Helmut

von Petra am 26.11.14

Für die falsche Wahrnehmung der eigenen Person gibt es leider immer negative Erlebnisse, die schwer zu überwinden sind.
In deinen sehr schönen Zeilen hat der wunderbare Mond es gerichtet.
Guten-Morgen-Grüße zu dir, liebe Bruni
Petra

von bruni am 25.11.14

*lach*, ja, liebe Diana, sie ist eine schöne sehr junge Frau u. sie sieht in den Spiegel u. findet alles, was sie da erkennt, falsch, nicht so, wie sie es gerne hätte. Doch dann kommt der Mond - und alles ändert sich grin
Herzliche Grüße in die Nacht zu Dir von Bruni

von diana am 25.11.14 - http://versspruenge.wordpress.com

... ein wunderschöner text, liebe bruni!
witzig ist, dass du hier für mich eine schöne frau beschreibst.
wie sehr kommt es doch auf die (eigene) wahrnehmung an, und darauf, sich anzunehmen, so, wie man (frau) ist.
mal wieder hilft der mond ... lächel.
ich finde das ganz wunderbar!
sei herzlich und lieb gegrüßt
von diana

von bruni am 25.11.14

*lächel*, ja, liebe Barbara, sie hatte vorher einfach nicht gesehen, daß sie wunderschön war, sie erkannte es nicht. Nun zeigte es ihr der Mond und er tat es auf seine unnachahmliche Weise…
Liebe Morgengrüße von Bruni zu Dir

von bmh am 25.11.14 - http://silberperlen.wordpress.com

Ohhh, Bruni, der Schluss des Gedichtes ist ... wunderbar wink

von bruni am 25.11.14

Liebe Bärbel, meine “Heldin” wünschte sich wohl welche *lach* und Locken noch dazu! Vielleicht hätten die dann ja auch die Ohren wieder verdeckt…
Sie sah alles falsch, das Wunderschöne konnte sie erst im Mondlicht erkennen.
Herzliche Grüße an Dich von Bruni

von minibar am 25.11.14 - http://minibares.wordpress.com

Ja, früher, da wollte ich auch gern Locken haben. Fand mich auch nicht schön. Inzwischen habe ich mich mit mir arrangiert.
Aber hier, der Mond gibt ihr den Kick, der zeigt, dass sie doch eine Schönheit ist.
Denn wer wünscht sich abstehende Ohren???
deine Bärbel

von bruni am 25.11.14

Liebe Anna-Lena, dieser zweite Satz von Dir, der ist so himmlisch gut und richtig, daß frau ihn einrahmen müßte!
Modelmaße strebte ich eigentlich nie an und heute schon gar nicht mehr. Ich finde diese dünnen Gestalten nicht schön. Wenn die weiblichen Formen fehlen, dann fehlt Entscheidendes, da helfen die tollsten Fummel nicht.
Vielen Dank für Deine guten Worte
und tausendschöne Grüße in die Nacht zu Dir

Neigen wir Frauen nicht generell dazu, uns unterzubewerten, wenn wir nicht mehr den geforderten Modell-Maßen entsprechen?
Im richtigen Licht und dem erforderlichen Selbstvertrauen sind wir eine Schönheit im Zusammenspiel von Leib und Seele.

Danke für deine anregenden Zeilen. Die sollte sich manche Frau auf den Spiegel kleben und lesen bis zur Verinnerlichung grin .

von bruni am 24.11.14

ja, das stimmt natürlich, lieber Finbar, sie gehören zusamnen, bilden eine Einheit u. doch ist es oft genug so, daß jemand im Spiegel nicht erkennt, daß er wunderschön aussieht, stattdessen meint, er wäre unscheinbar u. kann die eigenen Vorzüge nicht erkennen.
In meinem Text entfaltet das Mondlicht dann genau diesen Zauber.
Ganz herzliche Grüße an Dich von Bruni

von finbar am 24.11.14

Eine beeindruckende Körper Beschreibung…
Doch machen nicht auch Geist und Seele
Einen Menschen aus?

Wer einen Bezug herstellen kann zu
Mutter Allnaturs Mond, den wird er
Des nachts in die Arme nehmen und
Verzaubern, so oder so…

Herzliche Nachtgrüsse
Vom Finbar

von bruni am 23.11.14

Liebe Emily, ja, ich denke, dem Mond ist es gelungen. Endlich konnte sie sich sehen, wie sie wirklich aussah, nämlich:
w u n d e r s c h ö n
Herzliche Grüße von Bruni zu Dir

von Emily am 23.11.14 - http://www.emily221.wordpress.com

Vielleicht kann das Mondlicht der nötige Anstoß dazu sein, das wirklich wahre Selbstbewusstsein zu wecken. Und das ist wirklich wunderschön ♥
Alles Liebe zu dir, Emily

Welche Gedanken gehen dir bei diesem Gedicht durch den Kopf? Teile sie uns mit!



image image image image