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Ich liebte

Ich liebte alle Bäume, die zu
meinem Elternhaus gehörten.


Es waren gar nicht so viele,
aber sie sind stark in meinem
Erinnerungsbild vorhanden und
genießen dort eine
Vorzugsstellung. Jeden einzelnen
Baum sehe ich vor mir…


Die beiden Zwetschenbäume, die
an der Seite wuchsen, mußten
leider bald einem Anbau weichen.
Mein Vater hatte mit vierzig
Jahren noch seinen Führerschein
gemacht und er brauchte sofort
eine Garage für sein erstes
wertvolles Auto - eine Renault
Dauphine, die er gebraucht
erworben hatte. Schon waren sie
weg, die beiden schönen alten
Zwetschenbäume…


Im Hof stand mein Kirschenbaum,
mein Klettertraum, darunter eine
hölzerne Bank und wenn ich auf ihre
Lehne kletterte, kam ich gut zu
ihm hoch. Er durfte noch einige
Jahre bleiben, bis der Hof ge-
pflastert wurde, da mußte er
dann weichen…


Im Garten, einem wunderschönen
Nutzgarten, in dem auch viele
Blumen wuchsen, meine Mutter säte
und pflanzte sie an allen Ecken
und Enden, standen zwei uralte
Baumträume. Der eine war ein
Eierpflaumenbaum. Seine Früchte
waren geformt wie Eier, ähnlich
groß und von einem weichen hellen
Gelb - ein wenig golden in meiner
über sich selbst lächelnden
Erinnerung.
Als er keine Früchte mehr trug,
wurde an seiner Stelle ein
Mirabellenbaum gepflanzt.
Es gab ein Jahr, an dem seine
Früchte in ihrer Fülle die Äste
zu Boden drückten und danach hat
er wohl eine Krankheit bekommen,
wurde gefällt und durch nichts
anderes ersetzt…


Der andere war ein Quittenbaum.
Es gibt Apfel- und Birnenquitten.
Uns gehörten die Birnen mit ihren
samtigen Kleidern, die meine Oma in
mühseliger Schneidearbeit zu
feinen Spalten schnitt, wenn sie
reif genug dazu waren. Diese
wurden eingekocht in großen
Gläsern und ab dem nächsten Früh-
jahr als Belag für Bisquitböden
verwendet. Eine Delikatesse, von
der ich mit frisch geschlagener
Sahne nie genug bekommen konnte,
denn ich war ein Schleckermäulchen.


Es war der letzte aller Bäume,
die gefällt werden sollten.
Da war ich schon erwachsen und
kämpfte so lange, bis man sich
bereit erklärte, Stamm und Äste
als Naturskulptur zu erhalten
und lange Jahre konnte ich sie
mir danach noch ansehen und an
den Baum denken, wie er war, als
er jedes Jahr stolz seine
Quitten trug.

 

Mittwoch, 19. Juni 2013

und wieder eine Kindheitserinnerung

 

 


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© Bruni Kantz

Kommentare

von bruni am 24.6.13

na ja, es hatte immer “gute” Gründe, die ich als Kind aber nicht verstand. Heute verstehe ich sie, finde es aber noch genau so schlimm wie damals.
Am Apfelbaum geschaukelt hast Du. Das ist natürlich auch eine unvergeßliche und wunderschöne Erinnerung, liebe Anette
Einen lieben Gruß von mir

von aNette am 24.6.13 - http://www.magic-colors.eu/Blog/

Erstaunlich, dass schon zu deiner Kinderzeit die Bäume einfach achtlos gefällt wurden. Unsere Obstbäume wurden gehegt und gepflegt. Jedes Jahr wurden die Früchte geerntet und eingemacht. Ich kann bis heute kein Einmachobst mehr sehen. Aber ein Apfelbaum war besonders schön. Er hatte einen wunderbaren Seitenast. Als ich kleiner war, konnte ich daran schaukeln. Als ich etwas größer war, habe ich darauf gesessen. Natürlich stolz, wie der berühmte Oskar grin lg aNette

von bruni am 22.6.13

und da sage mal einer, eine Birke könne keine Früchte tragen. Sie trägt Dir die Schattenfrüchte, lieber Helmut *lächel*
Liebe Grüße zu Dir

von bruni am 22.6.13

Liebe Barbara, eine feine alte Sorte, die gute Luise grin Den süßen Duft von reifen Birnen in Sommerluft, den habe ich auch in der Nase, ich muß nur die Augen schließen *lächel*

von Helmut Maier am 22.6.13 - http://www.maier-lyrik.de/blog

Ja, Bäume sind ganz besondere Lebewesen. Der Zwetschgenbaum aus meiner Kindheit war auch mein Kletterbaum und der Pflaumenbaum vor der Haustüre gab mir eine Zeitlang jedes Jahr etwas für die Schulpause mit. In unserem jetzigen Gärtchen gönnen uns zwei Birken einen wunderbaren Schatten.

Liebe Grüße
Helmut

Deine Erzählung weckt in mir ähnliche Erinnerungen an den großen Birnbaum. Wenn die “gute Luise”, so hieß diese Sorte, reif war - was für eine Fülle! was für ein Geschmack - und den Geruch werde ich nie vergessen.

Liebe Grüße
Barbara

von bruni am 20.6.13

Es ist schon erstaunlich, daß mir diese Bäume alle noch so sehr gegenwärtig sind, lieber Finbar. Ist doch alles schon lange her, aber ich hatte wohl wirklich eine fast innige Beziehung zu ihnen *lächel* u. zu Obst mit Sahne heute noch!!!
Davon kann ich nie genug bekommen grin

von finbar am 20.6.13 - http://finbarsgift.wordpress.com

*lächel* trotz all der baumverluste, schön, eine weitere wunderschöne Kindheitserinnerung, und jamm jamm, früchte und Schlagsahne, die passen ja soooooooo sauuuuuuguuuuuuuuuuut zusammen, sag ich dir!
übrigens hatte mein vater auch mal eine Renault Dauphine und fühlte sich damit wie der Dauphin! *lächel* nur wir Kids nicht, denn hinten wars verdammt eng zu dritt! *g*
*winke winke for a good day*

von bruni am 19.6.13

Ja, nach und nach verschwanden die alten Obstbäume, einer nach dem anderen u. aus den Gemüse- und Salatbeeten wurden Rasenflächen, alles veränderte sich. Ich wurde erwachsen u. zog aus. Der Lauf des Lebens, liebe Bärbel, aber meine Erinnerungen werden nicht schwächer. Ist das nicht komisch?
Liebe Grüße an Dich

von bruni am 19.6.13

Liebe Anna-Lena, heute habe ich auch keinen Garten, nur eine Terrasse. grin So ein Garten macht jede Menge Arbeit. Ich habe es lange Jahre fast täglich miterlebt. Alle arbeiteten darin, nur ich nicht. Anfangs war ich zu klein u. dann saß ich lieber in einem Winkel und las…Aber trotzdem liebte ich Garten u. Bäume sehr, es war das Schönste an meinem Elternhaus *lächel*
Lieber Gruß in die Nacht zu Dir

von minibar am 19.6.13 - http://minibares.wordpress.com

Oha, der Untergang der Bruni-Bäume.
Was für ein Abgesang.
Der erst musste fürs Auto weichen.
Damit war der Werdegang besiegelt, die Skrupel überwunden.
Ok, wenn ein Baum krank ist, hilft nichts, als ihn zu fällen. Das ist wohl klar.
Wie du das alles so liebevoll beschreibst, das ist wundervoll.
Hmm, ich schmecke den Obstkuchen mit Sahne natürlich….
deine Bärbel

Wir hatten nie ein Haus und somit keine Bäume, aber wir hatten immer einen Balkon, den meine Mutter liebevoll bepflanzte und der zu einer wahren Oase wurde.

Die Obstbäume auf unserem Grundstück waren alle so dermaßen alt, dass sie nichts mehr trugen. Mittlerweile haben wir aber wieder einen großen Nussbaum, der zur Freude der Hunde viele Nüsse abwirft. Die knacken sie mit großer Freude grin .

Liebe Grüße und danke für deine Erinnerungen,
Anna-Lena

Welche Gedanken gehen dir bei diesem Gedicht durch den Kopf? Teile sie uns mit!



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