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Wollmaus in Prosa

und wieder trug er seine Lieblingsjacke

Er trug sie täglich und vergrub seine Hände
genussvoll in ihren tiefen Taschen.
Täglich berührte er mit seinen Fingerspitzen
die alten Nähte, die sich so pelzig anfühlten,
so wundervoll weich und warm, denn er trug sie
vor allem im Winter und Handschuhe brauchte er
keine, die Taschen fühlten sich an, als wären
sie mit einem pelzigen Futterstoff ausgekleidet.

Mit der Zeit hatte er aber das Gefühl, die
Taschen würden kleiner. Er grub seine Hände so
tief hinein wie immer, aber sie fanden weniger
Platz vor. Das Futter schien zu wachsen.

Da schob und schob er das Warme, Weiche, Zarte
mit den Fingerspitzen zusammen, formte einen
kleinen Wolleball und auch das Bällchen wuchs und
wuchs, wurde größer, dicker, kugeliger und manch-
mal glaubte er sogar, ein leises Fiepen zu hören.
Er steichelte gedankenverloren den kugelrunden
wolligen bauchigen Ball in seiner Tasche und er
hörte wieder ein sehr zartes Fiepen.

Nach einigen Wochen wunderte er sich sehr, daß
seine Fingerspitzen das Kugelrunde nicht mehr
fanden, sondern nur noch etwas dünner Bauchiges
und dahinter noch kleinere wollige Geschöpfchen
und das Fiepen war wieder ein klein wenig lauter
geworden in seinen beiden tiefen Taschen.

Da schielte er endlich vorsichtig in das
pelzige Dunkel hinein und entdeckte, daß die
Wollmäuse, die er mit sich herumgetragen hatte,
wohl schwanger geworden waren und er hatte nun
in jeder seiner gemütlichen Taschen einen Wurf
von putzigen, herzigen, pelzigen Wollmäuschen,
eines weicher und wärmer als das andere.

Wir stellen uns vor, wie es nach einigen Jahren
in und um seine Jackentaschen herum aussieht.

Wenn er ankommt, hört man Wispern und Fiepen und
manchmal unterhält er sich mit seinen Wollmäuschen,
seinen possierlichen Jackentaschentierchen.

Die Leute wundern sich, wenn er an ihnen vorbeigeht
und schütteln den Kopf, aber er sieht sehr zufrieden
aus, sein Blick scheint verklärt; er hat Gesellschaft
gefunden, kleine dunkelpelzige Freunde, die an ihm
kleben. Sie haben ihn wohl sehr gerne, diesen Mann,
der auf der Straße lebt, ohne Dach über dem Kopf,
aber immer gut gelaunt und mit einem verschmitzten
Lächeln auf seinen Lippen.

Mittwochabend, 28. März 2012




Kommentare

von bruni am 30.3.12

Liebe Anette, manchmal geht einem ein Wort im Kopf herum und dann folgt die Geschichte dazu auf dem Fuße. Genau so war es hier grin Ob ein solcher Mensch zufrieden ist? Auf jeden Fall ist er sehr in sich selbst versponnen. Dir einen lieben Gruß von mir

von aNette am 30.3.12 - http://www.magic-colors.eu/

Irgendwie bin ich mehr und mehr, fast atemlos deinen Zeilen gefolgt. In der Mitte der Geschichte dachte ich, eine Wäsche tut mal Not. Der Spannungsbogen wurde aber so geschickt von die weiter gesponnen, dass man schon langsam auf das unausweichliche Ende vorbereitet wurde. Sehr gut, wie du das machst. Und auch sehr gut, wie du beobachtet hast. Einen ähnlichen Menschen habe ich neulich bemerkt, mehr oder weniger laut mit sich redend. Ein Fragezeichen bleibt, wie zufrieden ist so ein Mensch wirklich? lg aNette

von bruni am 29.3.12

Liebe Regina Du siehst mich strahlen grin, sehr. Einen lieben Gruß von Bruni

Ich finde, dass es eine Geschichte für jedes Lebensalter ist - je nach Alter entdeckt man etwas anderes darin und aus dem Geschichtchen wird eine große Geschichte, für mich ist sie das jedenfalls.

Liebe Grüße
Regina

von bruni am 29.3.12

ein kleines Geschichtchen,. liebe Regina, und ich überlege die ganze Zeit, ob es eine Kindergeschichte ist oder aber eine von 5 - 100. Lieber Gruß von Bruni

von bruni am 29.3.12

Danke, lieber Ludwig, für Deinen feinen Kommentar. *freu*. Es ist ja eine unspektakuläre Geschichte von diesen kleinen Mäuschen, aber aus irgend einem Grund ging mir die letzten Tage immer ein Wollmäuschen im Kopf herum. Ich glaube, es kam durch die Fussel, die mir mein Einkelchen in die Hand drückte *lach*. Du kennst es ja, wenn einem ein Stoff im Kopf herumgeht. Irgendwie muß er raus, damit da wieder freeier Raum entsteht. Dir einen lieben Gruß von mir

Oh, Bruni,
das ist eine so schöne Geschichte!

Herzliche Grüße
Regina

von mono8no8aware am 29.3.12 - http://mono8no8aware.wordpress.com

was für ein putzigsüßes prosapoem!
her mit dieser kleinen süßen maus!
(was für eine nette kleine idee
und wie schön und brillant in
sprache umgesetzt!)
herzliche grüße
vom ludwig

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