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Demenz

Als uns der Geist
abhanden kam und sich
aus unsren Köpfen stahl,

Vergessen sich ins Heute
schlich, das Gestern
heimlich auch entwich,

da wurden wir dement.

Wir sprachen wirr und
blickten leer, Worte
kamen sichtlich schwer,

wir waren alt, der Geist
verbraucht, empfahl sich
still, verließ den Leib,
der allzulange ihn getragen
und ihm nun eine große Last.

Er wurde ihm so sehr
verhasst, daß er sich von
ihm wendete und seinen Dienst
bei ihm beendete.

Was brauchte er noch eine
Hülle, die mal der Schöpfung
seltsam Wille?

Er war so frei und losgelöst,
der Körper wieder eingedöst,
da flog er fort und kam nie
wieder.

Im Menschenkopf gab es noch
Lieder, leise Töne, Tränen,
Lachen und manchmal sogar
Unsinn machen.

Dann schliefen auch die
Lieder ein und Stille trat
stattdessen ein.


Mittwochmittag, 27. Juli 2012

In Holland gibt es ein Dorf, in dem
nur demente Menschen leben.
In unserer Nähe wird demnächst
eines gebaut werden.
Ich schrieb diese Worte, nachdem
ich den Artikel darüber heute
früh gelesen hatte.
Die Demenz ist eine Vorstellung,
von der wir für uns selbst nur
sehr ungerne hören.


image
(c) Bruni Kantz

Kommentare

von bruni am 12.6.14

und doch sind auch die heiteren Momente mit dem Vergessen belegt und es macht mir große Probleme, wenn ich daran denke, daß es auch mir passieren kann…
Liebe Marlis, das ist ein fürchterlicher Gedanke für mich.
Ich grüße Dich sehr herzlich
Bruni

von Marlis Hofmann am 11.6.14

ein sehr berührendes Gedicht über ein schweres, kaum fassbares Thema. ich kenne jemanden, der in einer Demenz-WG lebt, neben all dem Schweren gibt es durchaus auch heitere Moment - wie in deinen Versen. So ist es eben, das Leben!
Liebe Grüße zum Abend, zwischendurch…
Marlis

von Karfunkelfee am 2.7.12

klar, Bruni, mach wie du meinst. Ich nehm mir das Teil auch noch mal vor die Linse und mach ein bisschen Feintuning damit..das ist eine zeitgenössische und brandaktuelle Thematik - es wäre so schön, viele damit zu erreichen.
Viele liebe Grüße,
das feechen

von bruni am 2.7.12

Liebe Fee, die Vorstellung, daß sich alles in uns klumpt, daß das Gehirn, vollgestopft mit ungeordneten, sinnlos herumflatternden Gedanken nur noch gefüllt wird und das Ventil nach außen total fehlt, die hatte ich genau wie Du.

Da packt Dich Entsetzen, es hat Dich in seinen Klauen, wenn Du versuchst, sachlich darüber nachzudenken. Die ganze tolle Sachlichkeit bleibt auf der Strecke. Ich suche nach ihr, aber sie versteckst sich viel zu gut.
Eigentlich hast Du wieder mal ein tolles Poem dazu geschrieben. Darf ich es in Zeilen fassen?
Dir einen lieben montäglichen Gruß in den Teuto*
Bruni am Morgen

von Karfunkelfee am 2.7.12

Liebe Bruni,
uns fallen immer Worte ein, die uns denken, reden, schreiben lassen, die Gedanken nach außen treten lassen - was tun wir, wenn sie ungeordnet im Kopf bleiben, wenn sie hohl, leer als Gedankenlumpen im Kopf klumpen und von uns ungehört forttreiben?
Eine Vorstellung, so leer wie ein weißes Blatt Papier, wie traurig würde mir, wenn es geschähe, es unterbricht die Nähe, es macht allein, ein solcher Jemand müsste sehr einsam sein, ein sprachloses Kind, das sich nicht mehr erinnern kann, unter dem Fluch des Nichts als bösem Bann, es ist eine Pflicht für jedermann, einem solchen Menschen beizustehn, ihn anzusehn, ihn an die Hände zu nehmen und mit ihm zu gehn.

Ein Dorf für Demente.
Diese Menschen sind sehr Besondere.
Die, die wissen, was mit ihnen geschieht, leiden unerträglich.
Eine fantastische Idee und tiefe Zeilen von dir!

LG,
die Fee

von bruni am 30.6.12

Liebe Barbara, es ist ein Thema, von dem wir nicht gerne hören, sobald es dicht in unsere Nähe gelangt.
Es beschäftigt mich immer wieder sehr, allzu sehr u.wenn ich dann schreibe, verarbeite ich.
Einen lieben Gruß aus der BergstraßenHitze von Bruni

von bruni am 30.6.12

Liebe Babs, wir haben alle schon demente Menschen erlebt u.wenn er uns ganz nahe stand oder noch steht, dann ist es sehr schwierig, damit umzugehen.
Wir brauchen sehr viel Liebe und große Geduld. Dir einen lieben Gruß von mir

von ahora am 30.6.12 - http://ahora-giocanda.blogspot.com

Bruni, Deine Gedichte haben etwas Neues an sich???
Ich bin beeindruckt.
Durch die Überalterung wird so manchem dieses Schicksal blühen.

von minibar am 28.6.12 - http://minibares.wordpress.com

Meine Mutter war auch dement, wie man so sagt. Damals gab es das in dieser bestimmten Form noch nicht.
Es war eine schlimme Zeit.
Hoffentlich habe ich das nicht geerbt…

von bruni am 27.6.12

Lieber Helmut, ja, ich weiß, und ich bin entsetzt über all das, was ich selbst erlebe. Ich kann es kaum fassen, was um mich herum passiert. Wir müssen ansteckend werden, wir dürfen nicht nachlassen, unsere Ansichten von Recht,von Gerechtigkeit zu verbreiten, wir dürfen uns nicht einschläfern lassen von seltsam blöden Fernsehsendungen und ähnlich unnützen Dingen.
Dir einen lieben Gruß von Bruni

von Helmut Maier am 27.6.12 - http://www.maier-lyrik.de/blog

Das ist auch die Apokalypse unserer Gesellschaft, die zum Beispiel nichts mehr dabei findet, dass unser Bundespräsident wieder militaristische Reden schwingt, in denen er die wenigen, die noch Gefühle entwickeln und etwas dabei finden, dass doch nicht einfach Menschenleben für die hohe Politik auf den Schlachtfeldern dieser Erde geopfert werden müssten, als “glückssüchtig” beschimpft. (Und ist das amerikanische Volk “glückssüchtig”, wenn in seiner Verfassung das “Streben nach Glück” verankert ist?)

Liebe Grüße
Helmut

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