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Der Feiertagschrist

Sonntagmorgen,
die Glocken läuten,

während der Feiertagschrist
auf seinem sonntäglichen
Kirchengang ist.

Gewichtig,
wie abgezirkelt
sind seine Schritte
durch des Dorfes
schattige Mitte.

Ausgeprägt,
steinern sein Kinn
und frisch rasiert.
Pomade hat er in dünne
Strähnen geschmiert,

Kinder gescholten
und Strafen verteilt,
weil sie zu lange
beim Spielen verweilt.

Nun erreicht er sein Ziel.
Herrn Bieders Kirchgang
ist wahrhaftig kein Spiel.

Er reckt seinen Rücken,
nur um sich zu bücken.
Ihn nicht zu grüßen
wäre vermessen.

Dann singt Herr Bieder
sehr alte Lieder
in tiefem Bass.
(Seine Kinder seh ich,
sie scheinen mir blass)

Seine Töne sitzen,
sind wohltemperiert,
hört er Falsches,
sucht er pikiert.

Er reicht die Kollekte,
denn er ist wichtig,
Herr Bieder,
unbescholten und stolz.

Doch ein gläubiger Mann?
Ich glaube nicht dran.

Samstag/ Sonntag, 16./17. Okt. 2010


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(c) Bruni Kantz

Kommentare

von bruni am 19.10.10

Wo liegt es denn? Wenn alle Biedermänner die Kirche füllen, sieht es aus, als ob sich wahrhaft Gläubige versammeln.
Müssen wir nicht hinterfragen, warum der Kirchgänger tatsächlich geht? Sollten wir nicht an den Fassaden kratzen und uns ansehen, wie es dahinter aussieht?
LG an Dich, der Du Dich endlich wieder aus dem Mohnfeld erhoben hast.

von Jorge D.R. am 18.10.10 - http://traumtuch.blogspot.com

Warum widmest du Herrn Bieder so viele Zeilen?
Ist der wirklich noch so wichtig?
Liegt heute das Problem nicht ganz wo anders?

von bruni am 18.10.10

Hallo, liebe Anette, ich erlebte es vor einigen Jahren. Der Typ tyrannisierte seine Frau und die Kinder, aber am Sonntag saß er in der ersten Reihe in der Kirche.
Ich glaube, der wußte gar nicht, wie man lächelt. Lieber Gruß an Dich

von aNette am 18.10.10 - http://www.magic-colors.eu

Ach, hast du das etwa als Kind auch so erlebt? Du hast es haargenau beobachtet und beschrieben. Besser gehts nicht. Ich weiß nicht, ob es heute auch noch so ist, aber offensichtlich gibt es Herrn Bieder überall. Ich habe mich als Kind immer gefragt, ob die wohl in den Himmel kommen, die gesengten Kopfes in die Kirche gehen und hinterher die Familie drangsalieren. Allerdings ist in meiner Erinnerung Frau Bieder die stärkere Persönlichkeit. Mal wieder gut auf den Punkt gebracht, liebe Bruni. Gute Nacht, lg aNette

von bruni am 18.10.10

Hallo, Helmut, der Du am Abend durch die Blogs schlenderst:
Sie sind mit Vorsicht zu genießen, diese Feiertagsgläubigen. Ich halte Abstand und treffe dabei auf Dich.
Lieber Gruß von Bruni

von Helmut Maier am 18.10.10 - http://www.maier-lyrik.de/blog

Gerne bestärke ich Dich in Deinem Unglauben, liebe Bruni! wink

Liebe Grüße
Helmut

von bruni am 17.10.10

Liebe Barbara, ja, ich habe es gefunden, Dein neues Blog! Mögen die Leser aus allen Ritzen sprießen. Gedichte bei Dir von mir? Du meinst wahrscheinlich die Kommentargedichte, die ich immer Spontangedichte nenne ... ☺

von bruni am 17.10.10

Hallo, Anna-Lenchen, Du bist unterwegs!
Toll, was Du meinem Gedicht hier als Fortsetzung bietest. Ich mag sie nicht, diese Biedermänner.
Fade Fassade und was sich dahinter verbirgt, möchte ich nicht immer wissen ... >LG von mir

von ahora am 17.10.10 - http://ahora-giocanda.blogspot.com

Liebste Bruni,  Du bist wirklich zu kurz gekommen. Ich habe Dir in letzter Zeit zu wenig geschrieben.
Aber das wird jetzt wieder besser.

Zu meinem neuen Blog! Ich hatte einfach Lust, nur die Gedichte in dieses Blog zu übernehmen.
Bruni, weißt Du eigentlich, wieviele gute Gedichte Du bei mir eingestellt hast?
Du wirst dort sehr oft zu lesen sein.
Jetzt am Anfang läuft so ein Blog noch ein wenig träge - aber bald ist es so weit.
Ich wünsche Dir eine ganz schöne Woche
und grüße Dich herzlich Barbara

Zu Deinem Gedicht oben kann ich nur sagen - das hast Du gut hingekriegt.
Würde der Gute lieber einen Spaziergang im Wald machen. Das wäre ehrlicher *g*

Und nach den Messen,
ist alles vergessen.
Der Stammtisch ruft,
die Biere laufen,
dabei geht die Moral
mit über den Haufen.
Schmutzigen Witze,
und Fantasien,
von großen Brüsten,
Damen auf Knien.
Mit einem Schwips
geht er nach Hause.
Frau Bieder wartet
in ihrem Hause.
Der Blick in seinen Augen,
lässt sie an alles glauben,
nur nicht ans Essen,
frisch auf dem Tisch.
Erst, wenn Herr Bieder
seinen Willen hat
und ihn die Lust
hat satt gemacht,
ist das Essen völlig kalt,
und sie vor Zorn halb durchgeknallt.
Drum prüfe, wer sich ewig binde, ob sich nicht noch was Besseres finde,
ein ganz normaler netter Mann
und nicht so einen Biedermann.
grin.

Mit liebem Gruß
Anna-Lena

von bruni am 17.10.10

Liebe Karin,ich war evangelisch und bin es wieder geworden, aber das ist schon Jahre her.
Warum muß man im Staub und auf den Knien rutschen? Ist das nicht eher nur eine leidenschaftliche menschliche Äußerung? Sie zeigt eine emotionale Ergriffenheit ja, aber Demut äußert sich bestimmt nicht nur durch einen Kniefall. Ich möchte manchmal vor der Schönheit und der Gewalt der Natur niederknien und doch bin ich eigentlich nicht demütig, obwohl ich es sein sollte.
Ich bin ein Mensch mit guten und schlechten Eigenschaften, der eben oft auch sehr kritisch sein kann.
Ich denke aber, daß ich gläubig bin.

von karin am 17.10.10

Liebe Bruni, ich hatte sofort den Film “Das weiße Band” vor Augen….wahre Gläubigkeit äußert sich nicht im traditionellen Sonntagskirchenbesuch. Mein Mann…er hat mit der Kirche nicht viel am Hut…war tief beeindruckt von der Gläubigkeit, Innigkeit der Pilger auf dem Sankt Jakobsweg, wie sie sich am Ende der Pilgerreise in den Staub vor der Kirche geschmissen haben und weinend auf das Eingangstor der Kathedrale zugerutscht sind. Da haben selbst ihm die Tränen in den Augen gestanden….
das waren die “echten” Gläubigen, er gehörte ja eher den Tourismuspilgern auf der Radreise an, hat diese aber trotz aller Strapazen genossen.
Das, was Glauben auch sein kann, spüre ich beim Besuch der romanischen Kirchen in Frankreich (aber nicht nur dort), die durch ihre Schlichtheit beeindrucken…. das was uns als Kunstkitsch durch den Barock, das Rokoko von der Kirche aufgebürdet wurde…ist manchmal schwer erträglich… aber Herr Biedermann liebt auch das… noch eins…ich bin evangelisch…
gute kritische Gedanken von Dir….

Welche Gedanken gehen dir bei diesem Gedicht durch den Kopf? Teile sie uns mit!



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